Sind die Wünsche Deiner Charaktere auch ein Muss?

 

Wunschlos glücklich

 

Was wollen die meisten Leutchen? Klar, Kohle, wer nicht? Aber ist das alles? Was Du privat möchtest, ist irrelevant, zumindest für Deine Romanfiguren.

Es ist nicht neu: Dein Charakter will etwas (erreichen), z. B.:

  • einen guten Schulabschluss
  • das neueste Computerspiel
  • mit dem Rauchen aufhören
  • eine größere/kleinere Wohnung
  • dem Boss endlich die Meinung sagen

Wünsche/Ziele sind massenhaft zu finden. Maßgebend ist immer die Verbindung zur Geschichte/zum Thema. Ein Wunsch bzw. ein Ziel, das nichts mit der Handlung zu tun hat, verpufft. Es ergibt nicht nur keinen Sinn, sondern verursacht schlimmstenfalls eine deftige Schreibblockade.

Man spricht auch vom sogenannten einschneidenden Ereignis – ein Erlebnis, das den Charakter zum Handeln zwingt. Was gäbe es denn da so?

  • Ein junger Mann verliebt sich in ein Mädchen und möchte unter allen Umständen, dass es seine Freundin wird.
  • Ein Schreib-Wettbewerb steht an, den Du unbedingt gewinnen willst.
  • Deine Freundin ist in schlechte Kreise geraten und Du willst ihr da raushelfen.
  • Eine junge Frau will sich der Bevormundung ihrer Eltern entziehen.

Was ist, wenn Dein Charakter oder jemand in seinem Umfeld eine Krankheit erwischt oder wenn ein Unfall passiert? Je nach Idee ist es möglich, dass Ziele von vornherein feststehen (z. B. Punkt zwei), aber dann geschieht etwas Unerwartetes. Bleiben wir beim Schreibwettbewerb: Die Protagonistin verletzt sich die Hand. Was nun? Sie muss ihre Ziele/Wünsche bzw. Pläne ändern oder zumindest an die Situation anpassen.

Was könnte unseren Protagonisten noch passieren?

  • ein Schüler verletzt sich schwer und muss seinen Wunsch, Profisportler zu werden, aufgeben
  • eine Flugbegleiterin gibt ihren Traumjob auf, weil ein Familienmitglied auf ihre Hilfe angewiesen ist
  • ein Paar steht am Beginn einer Beziehung, als einer der beiden eine bösartige Diagnose erhält

 

Jetzt drehen wir den Spieß doch mal um

In diversen Ratgebern und/oder auf entsprechenden Blogs liest Du oft: Gib dem Protagonist ein Ziel. Alles schön und gut, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Hast Du aber mal in die gegensätzliche Richtung gedacht?

Was könnte ein Charakter alles nicht wollen?

  • missverstanden werden („Wie sage ich’s am besten?“)
  • ein Geheimnis preisgeben („Ich will nicht, dass jemand erfährt …“)
  • versagen („Ich weiß nicht, ob ich das kann.“)
  • als Feigling gelten („Ich will ja nicht kuschen, aber …“)

Hier kannst Du wundervolle Konflikte kreieren. Dein Charakter muss/will mit seinem no-no fertigwerden – er kämpft.

Wichtig ist, zu wissen, welche Rolle Du dem Charakter zugedacht hast. Ist die Figur im Reifeprozess, zeige dem Leser, wie sie sich entwickelt: Wie lernt sie, nicht mehr missverstanden zu werden? Erschaffst Du einen Antiheld Weißt Du überhaupt, was ein Antiheld ist? kämpft dieser zwar gegen seine Feigheit, scheitert allerdings kläglich.

Je nach Motivation wird der Charakter stark oder schwach sein (wie das Motiv selber). Geht es um ein Geheimnis, wird er sich stärker bemühen, als wenn er lieber lustlos durch’s Leben schwebt und sein evt. Versagen akzeptiert.

Aber: Wenn für die Charaktere unwichtig ist, was sie tatsächlich brauchen, werden sie zwangsläufig scheitern.

 

Wollen – Brauchen – Wünschen

„Ich gehe meilenweit für ein Camel Filter.“

Kannst Du Dich noch an diesen Slogan erinnern? Mag als Werbung unterhaltsam gewesen sein, wir aber schreiben einen Roman, in dem unsere Figuren eher bodenständigere Wünsche und Ziele haben.

In meinem Beitrag Flucht, Abenteuer, Vergeltung und Co. findest Du einige Vorschläge, deshalb hier nur noch ein paar zusätzliche aus meinen Manuskripten:

  • David wünscht sich, endlich der Frau seiner Träume zu begegnen.
  • Liam führt ein zufriedenes Leben. Weshalb ist er dann noch Single? Hat er tatsächlich alles, was er braucht?
  • Alistair muss seinen gefährlichen Job aufgeben. Ihm ist bewusst, sein Leben steht auf dem Spiel.

 

Tipp:

Versuch‘ mal rauszuhören, was Dein Umfeld (Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen …) wollen bzw. nicht wollen. Sammle ruhig ein paar Ideen, aus dem wahren Leben gegriffene Wünsche sind eine wahre Schatzkiste.

 

Wenn Dir die Wünsche Deiner Charaktere klarsind, wirst Du es einfacher haben, die dazugehörigen Widerstände zu schaffen. Wie nennen wir diese Widerstände? Richtig, es sind – selbstverständlich – die Konflikte.

Einen Beitrag (mit Beispielen) zum Konflikt findest Du hier Lege Deinem Protagonisten Steine in den Weg

Wünsche dürfen sich nicht sofort erfüllen, Ziele nicht problemlos erreicht werden, das wissen wir zur Genüge. Wie können wir aber unseren Figuren deren Konflikte einpflanzen. Wie können wir alles spannend(er) machen?

Indem wir zwei wichtige Wünsche kreuzen:

  • Zeit: Annabelle absolviert eine schwieriges Studium – sie will aber auch Zeit für ihre Freunde haben.
  • Unabhängigkeit: Sandra und Daniel lieben den Luxus – wollen aber auch dem damit verbundenen Druck entfliehen.
  • Macht: Mrs. Cooper will ihr Imperium weiter ausbauen, riskiert aber dadurch, ihren Mann zu verlieren.

In obigen Beispielen sind die Wünsche offensichtlich, die Charaktere müssen sich nur entscheiden oder wenigstens Kompromisse eingehen.

Was aber, wenn der Charakter nicht so richtig weiß, was er überhaupt will, d. h., was für ihn nicht so offensichtlich ist?

  • Liam wusste nicht, was ihm fehlte, bis er seine Seelenpartnerin gefunden hat.
  • Mary will wieder Weihnachten feiern – will sie das wirklich?
  • Steve lehnt sich erst gegen seine Frau auf, als ihm endlich bewusst wird, dass er sonst seine Kinder verliert.

 

Der innere Konflikt

Über Konflikt von außen (Gegner, Wetter, Katastrophen …) haben wir schon viel gelesen oder gehört. Was meiner Meinung nach oft zu kurz kommt, sind die inneren Konflikte, aber gerade die machen das Schwein erst fett.

Nutze diese Möglichkeit, dem Leser die Charaktere näherzubringen. Wie gehen sie emotional mit ihrer folgerichtigen Zerrissenheit um?

Was könnten innere Konflikte sein:

  • Erinnerst Du Dich an Mrs. Cooper? Sie will ihr Imperium ausbauen, mehr Macht, mehr Einfluss. Sie geht so weit, dass ihr Mann sich ihr endlich entgegenstellt und eine Entscheidung fordert. Wenn nicht, dann …
  • Daniel fragt sich (langsam, aber sicher), ob materieller Wohlstand wichtiger ist, als eher mal auf einiges zu verzichten, aber zufriedener und glücklicher zu leben.
  • Obwohl finanziell von ihr abhängig, will Sandra sich dem Einfluss ihrer machtbesessenen Mutter entziehen, da ihr soziale Anerkennung und Freunde letztendlich wichtiger sind.

Diese drei Beispiele entstammen meinem Manuskript Die Coopers. Die hier inneren Konflikte scheinen nicht weltbewegend zu sein – die Konsequenzen bei einer falschen Entscheidung umso mehr.

 

Fassen wir zusammen:

Charaktere haben Wünsche, Ziel und Bedürfnisse. Diese führen oft zu Konflikten. Ob diese groß oder klein sind, ob der Charakter diese mit sich selbst austrägt, sei dahingestellt – er muss sie bewältigen und mit den Konsequenzen leben. Diese führen wiederum zu Veränderungen.

Deine Figuren sollten sich aber nicht ewig im Kreis drehen, das wird zu eintönig.

 

Wie webst Du die Wünsche Deiner Charakter in die Handlung ein? Wollen sie das Eine ohne zu wissen, warum? Ist ihnen bewusst, was sie tatsächlich brauchen? Gibst Du ihnen innere Konflikte, die sie zu Entscheidungen zwingen?

 

 

Titelbild: Schnappschuss in Las Vegas

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.