Zu viel Ballast? Weg mit dem redundanten Müll

Halte Deinen Text sauber

 

Welcher Anblick ist Dir lieber?

  • ein struppiger Bart/eine struppige Frisur
  • ein Drei-Tage-Bart/zwei lose Haarspangen
  • ein meisterhaft getrimmter Bart/ein professioneller Haarschnitt

Dämlicher Vergleich? Möglicherweise – oder doch nicht?

Zugegeben, vom Beurteilen der einen oder anderen Geschmacksverirrung von lebenden Personen zu einem gut überarbeiteten Roman ist es ein weiter Schritt, doch den Kern trifft es schon, oder?

Na ja, wie auch immer. Es ist spät und ich schreibe wahrscheinlich schon halb im Delirium. Deshalb gibt es heute nur einen kurzen Beitrag zum Thema Selbstlektorat (professionell kürzen und ergänzen).

 

Was heißt kürzen?

Während ich eher dazu tendiere, zu wenig zu schreiben, passiert bei vielen Autoren das Gegenteil – bedauerlicherweise nicht nur bei Anfängern. 

Meine ersten Entwürfe sind sogar manchmal albern, ich habe aber kein Problem damit, zu viel Spaß zu streichen, erst recht, wenn er nicht angebracht ist.

Weshalb entstehen gerade am Beginn einer Schreiber-Karriere so viele Missgriffe? Ganz einfach: In jeder Geschichte, in jedem Roman steckt auch ein Stück vom Autor. Glaubst Du nicht? Dann gehe schnell in Dich, wenn nicht, wirst Du einem sogenannten self insert nicht entkommen – Du bist dann die Person in Deiner Geschichte.

Das heißt nicht, Du kannst es immer vermeiden, musst Du vielleicht auch nicht, solange es passt.

Hast Du es diesbezüglich übertrieben, genügt ein einfaches Kürzen nicht mehr, sondern nur noch ein Radikalschnitt.

Darum geht es aber in diesem Beitrag nicht. Hier zeige ich Dir, wo sich häufige Stolperfallen einschleichen.

 

wenn dein buch eine abspeck-kur braucht

 

Wiederholungen

Während sie im Fließtext noch einfacher zu entdecken sind, erscheinen sie im Dialog nicht immer offensichtlich. Was ich also bereits erzählt habe, muss ich ja nicht in einem Gespräch wiederholen.

Übermäßige Beschreibungen

Habe ich meinen Charakter zwei Kapitel vorher beschrieben, ist es erstmal genug. Plumpe Beschreibungen sind sowieso unbeliebt, und wenn ich dem Leser jede Krawatte, jeden Ohrring oder anderen meist überflüssigen Quark vor den Latz knalle, sieht es für den Autor schlecht aus.

Fakten und/oder Details

Hier ist große Vorsicht geboten. Nur weil Du Dich in einem Metier besonders gut auskennst, heißt das nicht, Du musst es jedem mitteilen, schon gar nicht, wenn es weder zur Handlung passt, noch für die Entwicklung der Figuren relevant ist.

Zu viele Charaktere

Sind sie tatsächlich alle wichtig? Ich meine hiermit nicht die Hauptfiguren, die sollten klar sein. Es gibt jedoch oft Nebencharaktere, die keine noch so kleine Rolle spielen. Bist Du Dir noch unsicher, lies in meinem Beitrag Kenne die Rolle Deiner Charaktere  nach. Haben sie keine Funktion, weg damit. Würden sie fehlen? 

 

Wie spürst Du Deine Füller auf?

Hier hilft nur, alles Schritt für Schritt, Szene für Szene, Dialog für Dialog durchzugehen.

  • sind die Handlungen wichtig?
  • treiben sie die Geschichte (schnell) voran?
  • sagen sie etwas über die Figuren aus?

Um diese aufwendige und manchmal nicht (mehr) überschaubare Arbeit zu erleichtern, hilft ein gutes Schreibprogramm oder eine Schreib-Software.

Ich nutze noch immer das gute alte word, indem ich über den Menüpunkt MARKUP die Kommentarfunktion einschalte. Dort packe ich erstmal alles rein, was mir aktuell nicht in den Kram passt.

Ich will mich aber nicht nur auf das Kürzen beschränken. Es gibt ja auch die pragmatischen Schreiber – wie ich – die im ersten Entwurf dem Leser zu wenig bieten. Hier kann die eine oder andere Ergänzung nicht schaden, z. B.:

  • sollte der Leser lieber etwas mehr wissen, etwas Spezifisches, um die Szene oder eine Handlung besser zu verstehen?
  • müsste nicht mehr über die eine oder andere Charaktereigenschaft gesagt werden, um Motive/Taten nachvollziehbarer zu gestalten?

Ich kann es nicht genug betonen: Denke am Ende immer daran, dass der Leser Erwartungen hat.

Ich habe für mich eine Richtlinie entdeckt, die mich bisher nicht enttäuscht oder besser gesagt positiv überrascht hat – im Gegenteil.

Ich habe bereits Bedenken, wenn ein Krimi, eine Romanze oder eine Action-Story mehr als 350 Seiten hat.
Bei einem Thriller oder historischen Romanen gehe ich durchaus bis 450 Seiten mit.
Anders sieht es bei epischen Werken, z. B. bei Gesellschaftsromanen aus, zumal diese oft mehrere Handlungsstränge haben.

Diese Angaben sind ca. Werte (kommt ja auch auf die Drucktype an), aber meine Leseerfahrung bestätigt mir, dass jenseits dieser Maße oft nur Füller das Buch unnötig aufblähen.

Das ist weder ein allgemeingültiger Rat noch ein Muss für Dich, wenn Du es aber dennoch bei Deiner Überarbeitung bedenkst, ist es gut.

Es gibt durchaus Leser, die sich nicht an längeren Werken stören, viele davon kenne ich allerdings nicht – das mag an mir liegen.

Wofür Du Dich auch letztendlich entscheidest, bedenke eins: Einfügen/Ergänzen fällt oft leichter als kürzen. Schneiden tut weh.

 

Tipp:

Geschnittene Szenen musst Du nicht gänzlich verwerfen. Manchmal passen sie nur nicht so gut für Dein aktuelles Manuskript. Aber wer weiß, vielleicht für das nächste?

 

Titelbild: Schnappschuss in Disneyland

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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