Du bist zu faul für Recherche? Schäme Dich

Du solltest wissen, worüber Du schreibst

 

Du liest einen Roman, sagen wir mal, einen Krimi. Der ist so spannend, ein böser Mord, ein interessanter Tatort. Du sitzt wortwörtlich auf der Stuhlkante, Dein Kaffee ist längst kalt geworden, aber das ist egal, Du blätterst besessen weiter und plötzlich

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Was ist das? Der Autor verwendet einen Begriff, von dem Du weißt, dass er nicht korrekt ist. Die erste Enttäuschung schleicht sich ein.

Na ja, nicht so tragisch, ist ja immer noch spannend, also weiter. Doch dann? Ein zweites 

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Du entdeckst den nächsten Fehler, und die Enttäuschung wächst …

 

Was hat der Autor falschgemacht? Er hat nicht recherchiert.

Bedauerlicherweise sind es die einfachsten Dinge, die viele Autoren nicht gebacken kriegen. Dabei ist es ein Leichtes, mit einem Klick die korrekten Begriffe zu finden.

Gerade bei Krimis lese ich immer wieder so einen Quark. Worüber spreche ich im Speziellen?

  • Verhör: Ist längst nicht mehr im Sprachgebrauch. Es heißt Vernehmung
  • Gerichtsmedizin: Völlig veraltet, im deutschsprachigen Raum heißt es Rechtsmedizin
  • Pathologe: Verkehrter geht’s ja wohl nicht. Ein Pathologe ist kein Rechtsmediziner

Aber es ist doch nur Fiktion, wirst Du jetzt sagen. Das stimmt schon – was Inhalt, Figuren und Dialog betreffen. Nicht die Fakten.

(Am Rand bemerkt: Als ein Autor mal Realitäten statt – korrekt – Realität verwendete, war’s bei mir aus. Sorry, ich mag pingelig sein, aber das ist ein no-no.)

 

Was für Stolperfallen gibt es?

Unsere Grammatik hat es in sich. Da immer alles richtig zu machen verlangt ’ne Menge ab. Lieber einmal mehr nachsehen oder jemanden fragen, der gut darin ist, denn folgende Schnitzer dürfen nicht passieren:

  • er schliff über den Boden
  • er hing seinen Mantel auf
  • sie schallte sich
  • er hätte gern zurückgewunken

Du denkst, das habe ich erfunden? Nein, alles schon mal so gelesen.

Was gibt es noch? Doppelt-Gemoppeltes:

  • Glasvitrine (steckt bereits im Wort Vitrine)
  • neu renoviert (steckt auch schon im Wort renovieren)
  • Außenfassade (Fassade ist außen)
  • gefallener Neuschnee (schon mal alten fallen sehen?)
  • die absolute Steigerung: er fällt lautlos (na sowas)

Das sind nur einige Beispiele, womit Du Dich als Autor blamieren kannst – und wirst.

 

Recherchiere – vermute nicht

Deine Geschichten spielen ja irgendwo (Setting). Lerne etwas über die Gegend und die Landschaft, falls es nicht Deine Heimatstadt ist.
Deine Charaktere üben bestimmte Berufe aus und haben vielleicht besondere/seltene Interessen. Wenn es keine größere Rolle spielt, genügt eine Erwähnung, gibt es jedoch Zusammenhänge, achte mehr darauf. Z. B. sollte das Alter zum Beruf passen.
Haben die Charaktere Allergien oder werden sie mal krank, informiere Dich über den Verlauf.
Es muss ja nicht detailliert oder perfekt sein, nur glaubhaft.
Kenne die Gesetze, falls Du sie „anwendest“, erst recht bei einem Dir fremden Setting. Ich stoße immer wieder auf diese billigen Romanzen, in denen besoffene Leutchen früh aufwachen und einen Ehering am Finger haben. Du weißt schon, diesen Las Vegas Mist. Fakt ist nun mal, dass Du eine Heiratserlaubnis brauchst (Gesetz). Also falle nicht auf diesen Quark rein und schreib so was nicht.

Eine große Herausforderung kann ein historisches Setting sein. Hier sollten nicht nur der Hintergrund stimmen, sondern – je nach Zeitraum – auch andere Fakten (ab wann gab es Kartoffeln, wann wurde der Reißverschluss entwickelt, wie war die Mode, welche Namen waren gebräuchlich …)

 

Wie finde ich verlässliche Informationen?

Ich gehe mal davon aus, Du kamst nicht auf ’ner Wurstpelle hergeschwommen und weißt über viele Dinge bescheid. Das ist gut – ein klarer Vorteil.

Manchmal sind es aber die Kleinigkeiten, die im Alltag untergehen und denen wir wenig Beachtung schenken, z. B. Geräusche. Achte also mal bewusst darauf, wie es in einer Bar klingt (Stimmengewirr, Gläserklirren) oder wie laut bzw. leise Städte oder Straßen sein können.

Wo wirst Du fündig?

 

unterschätze die Recherche nicht

 

Deine Beobachtungen und Erfahrungen sind unbezahlbar. Sammle als gäbe es kein Morgen, schreib‘ alles auf und mach‘ das zur Gewohnheit. Musst Du recherchieren, nutze u. a.:

  • Bibliothek
  • Museum
  • Experten fragen
  • Blog suchen (gezielt)
  • Wikipedia

Wie gesagt, recherchieren kannst Du nie genug, die Arbeit wird nicht umsonst sein. Ich will jetzt nicht mit der Erweiterung des Horizonts rumgeistern, aber schaden kann neues Wissen ja auch nicht.

Auch wenn Du was gerade jetzt nicht (mehr) brauchst, weil Deine Geschichte vielleicht eine andere Wendung nimmt oder Du Deine Idee plötzlich blöde findest, hefte dennoch alles fein säuberlich ab – unabhängig, ob Du eine Autoren Software verwendest oder noch mit Ordnern arbeitest.

Schmeiße nie was weg, eines Tages wird Dir das Eine oder Andere nützlich sein. Die Arbeit war dann nicht umsonst und Du sparst eine Menge Zeit, wenn Du bereits auf eine Fülle von Informationen zurückgreifen kannst.

 

Fazit:

Frage/recherchiere lieber einmal zu viel. Deine Leser werden es Dir danken.

 

Titelbild: Bibliothek in Manhattan (NYC)
Beitragsbild: Foto-Galerie Alcatraz (SF)

 

 

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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