Hast Du alle Sinne beisammen oder fehlt was?

alle fünf sinne

 

Ich sitze in diesem wunderschönen kleinen Park, der sich zwischen zwei Häuserreihen befindet und mache ein Päuschen, aber nicht nur das. Ich genieße den Anblick, ich höre das Rauschen und nehme die Frische wahr, ich kann es berühren und wenn ich wollte, auch kosten. Diese Mini-Oase spricht alle fünf Sinne an. Herrlich.

 

Wie steht es aber mit Deinen Charakteren? Was gibst Du ihnen mit? In diesem Beitrag liefere ich einige allgemeine Vorschläge und hoffe, Du kannst sie das eine oder andere Mal umsetzen.

Wichtig zu wissen: Vieles ist stets kategorie- bzw. charakterabhängig.

 

 

Sehen

Was der Charakter sieht, wird am häufigsten in Geschichten dargestellt, ist auch offensichtlich und scheinbar am einfachsten, aber eben nur scheinbar. Dass es oft so plump rüberkommt, liegt an der Darstellung selber. Der Autor tritt in Erscheinung und berichtet dem Leser, was der Charakter sieht.

Ist das in Ordnung? Fettes Nein. Der Autor hat in Geschichten nichts verloren, es sei denn, es ist eine Autobiographie, das ist allerdings eine andere Sache.

Wie solltest Du also schreiben? Hier ein Auszug aus einem meiner Manuskripte:

 

Neben ihr stand ein Mädchen, das nicht viel älter sein konnte als sie. Auch wenn Annabelle sich nicht gut in teurer Kleidung auskannte, fiel ihr dennoch die Extravaganz auf. 
Das Mädchen war sehr schlank und trug ein sommerliches blass-gelbes Kostüm, das wie angegossen saß. Die dazu passende Hochsteckfrisur brachte das zarte Gesicht gut zur Geltung und erinnerte Annabelle ein bisschen an die junge Audrey Hepburn.
Sie ließ ihren Blick nach unten wandern und starrte auf die High Heels, in denen zwei zierliche Füße steckten. Wie konnte man in so was laufen?

 

Wir lernen eine neue Figur nicht nur durch Annabelles Augen kennen, sondern erfahren zusätzlich auch etwas (mehr) über Annabelle selber.

Was ist noch zu beachten?

  • Zeit: Ist die erste Begegnung kurz, wird Dein Charakter nicht viel Zeit für eine ausreichende Beobachtung haben. Wie oft lese ich ausführliche Beschreibungen, beginnend von der Kleidung über das Alter bis zur Augenfarbe. Tue das nicht.
  • Entfernung: Wie weit kann Dein Charakter sehen? Ist er kurzsichtig und trägt aus Eitelkeit keine Brille? (Wäre ein unglaubwürdiger Augenzeuge bei einem Krimi). Ist er weitsichtig und hat seine Brille irgendwo liegenlassen? (Was passiert, wenn er ein wichtiges Dokument nicht lesen kann?)
  • Könnte Farbenblindheit eine Rolle spielen?
  • Ist er übermüdet und reibt sich die Augen, bis er nur noch Sterne sieht?

Du siehst, du kannst anhand des Sehen nicht nur andere Figuren beschreiben, sondern zusätzliche Aspekte verknüpfen.

 

Hören

Dieser Punkt wird zwar ebenso oft verwendet, aber bedauerlicherweise (manchmal) unrealistisch dargestellt. Warum? Der Autor beschreibt Geräusche, die er selber nie wahrgenommen hat, z. B. einen Wasserfall – wie im Bild gezeigt.

Was solltest Du noch beachten?

  • Verwende vorwiegend alltägliche Geräusche und/oder Töne, diese sind dem Leser vertraut und er kann sie sich besser vorstellen.
  • Möchtest Du die Charaktere etwas hören lassen, das Du (noch) nicht kennst, sieh zu, dass Du Dich in die Lage versetzt – und lauschst. Sollte das nicht möglich sein, z. B. bei Schüssen, frage Personen, die mit diesem Metier vertraut sind.
  • Noch was zu Schüssen: Wo geballert wird, ist es laut, erst recht, wenn dem Charakter die Kugeln um die Ohren fliegen. Wie oft liest oder sieht man in Filmen, dass die anwesenden Personen sich dennoch im Flüsterton unterhalten. Ist das möglich? Nope.

Versetze Dich immer in die Lage Deiner Charaktere. Beachte das Setting, z. B. den Straßenverkehr, die Natur. Prüfe sicherheitshalber alles selber oder frage kompetente Personen.

 

Geruch

Ah, der Geruch. Schwierigkeitsgrad: Mittel.

Es sollte nicht schwierig sein, dem Leser Gerüche zu beschreiben, richtig? Stimmt schon, aber wir wollen die Gerüche zeigen und dem Leser nicht nur erzählen, wie was riecht, stimmt’s? Wie machen wir das?

  • Erinnert sich Dein Charakter bei bestimmten Gerüchen an ein (un-)angenehmes Ereignis? Wäre eine Möglichkeit für Rückblenden.
  • Löst ein Geruch einen Trigger aus und lässt die Figur aggressiv werden? Stoff für Konflikte.
  • Hat Dein Charakter gar zwei (oder mehr) Persönlichkeiten, die bei einem bestimmten Parfüm wechseln?
  • Wie fühlt sich ein Vegetarier, der Fleisch riecht? Rümpft er nur die Nase, verlässt er sofort das Umfeld oder ist er tolerant? Das sagt doch etwas über Deinen Charakter, oder?

Wichtig auch hier: Zeige dem Leser die Reaktionen. Verwende vorwiegend bekannte Gerüche (wer weiß denn nicht, wie faule Eier oder ein angebranntes Essen riechen). Und wenn etwas nach Scheiße riecht, dann nenne es auch beim Namen, außer Du schreibst Kinderbücher.

 

Geschmack

Über Geschmack lässt sich streiten? Kann schon sein, aber um den geht es hier nicht. 

Wir sprechen vom tatsächlichen Geschmack, nämlich dem auf der Zunge. Die meisten wissen, wie Tränen schmecken. Ebenso ist es mit Kaffee, Schokolade, Milch, Brot … also gewöhnliche Nahrungs- und Genussmittel. Ich denke, bei diesen wäre eine Beschreibung überflüssig, es sei denn:

  • Etwas ist verdorben, z. B. Pellkartoffeln, die zu lange aufbewahrt wurden.
  • Dein Charakter hat ein neues Rezept ausprobiert – wie nimmt ein anderer den Geschmack wahr? Was schmeckt er? Hier könnte man mehr geben, wenn es für die Geschichte relevant ist, z. B. Streit (weil es nicht schmeckt) oder Ärger (weil der Kostende eine Allergie hat).

Zeige natürliche Reaktionen, mit denen sich der Leser verbinden kann. Lass‘ Deinem Charakter das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn er

  • einen Braten riecht (erst recht, falls er hungrig ist)
  • an den herzhaften Rohkost-Salat vom Vortag denkt (Zitrone, Essig …)
  • einen starken Schluckauf hat (Bäh)

Was immer Du Deine Figuren schmecken lässt, vergleiche es mit den eigenen Erfahrungen. Probiere es im Notfall aus und mache keine Experimente, indem Du auf die Unwissenheit der Leser hoffst.

 

Tastsinn

Wenn wir von Tastsinn sprechen, meinen wir die Empfindung bei Berührungen. Dies wird am meisten vernachlässigt. Ist sogar verständlich, weil es schwierig zu händeln ist. Hier geht es ja nicht nur darum, was du fühlst, wenn du etwas Raues anleckst (wer macht das schon?) oder einfach nur schreibst: das Leder fühlte sich so und so an. Wenn ich einen – ebenfalls allgemein bekannten – Gegenstand anfasse, wird das sicherlich genügen. Was aber, wenn Du als Autor mal was Neues/Anderes/Ungewöhnliches hast? Hier helfen nur Vergleiche bzw. Metaphern.

Stelle Dir folgende Situationen vor und finde passende Vergleiche:

  • Ein Glas kaltes Bier, aus dem der Schaum rausläuft (als würde Quellwasser über die Finger laufen).
  • Wie fühlt sich feine Lederbekleidung an? Wie eine Pfirsichhaut?
  • Wie fühlen sich raue Lippen an? Wie Sandpapier?
  • Wie fühlt sich ein Drei-Tage-Bart an? Keine Ahnung.

Was auch immer Du beschreiben willst, berühre es und zeige dem Leser, was Du fühlst oder woran es Dich sogar erinnert. So bringst Du ihm das Gefühl näher und ziehst ihn besser in Deine Geschichte hinein.

 

Fazit:

Es ist unsagbar schwierig, unsere fünf Sinne so zu zeigen, dass diese nicht nur die Charaktere menschlich machen (sprich dreidimensional), sondern auch dem Leser genug Vorstellungsvermögen mitgeben. Da hilft nur fleißiges Praktizieren und/oder Probieren. Frage Deine Testleser. 

 

Bild: Green Acre Park in Manhattan (NYC)

 

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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