Jeder Charakter hat das Recht auf eine eigene Stimme

Erarbeiten der Erzählstimme

 

Zum Thema Erzählstimme hab‘ ich bereits kurz berichtet, außerdem gibt es zahlreiche Tipps im Netz und in Ratgebern. Link zu meinem Beitrag: Jeder Charakter erhält seine eigene Stimme 

Dennoch möchte ich nochmal darauf eingehen, weil das ein Punkt ist, mit dem viele Autoren Schwierigkeiten haben.

Ganz kurz: Was verstehen wir unter diesem Begriff?

Menschen sprechen verschieden – logisch. Dazu gehören aber auch Gedanken und Monologe. Deine Charaktere müssen das also auch tun, wie soll sie der Leser sonst unterscheiden?

Sprechen die Figuren alle gleich, kann das Deine Geschichte verderben.

Wenn jeder Charakter „Mist.“ sagt oder „Mann.“ oder „Okay.“ oder … kann es nicht nur langweilig werden, sondern nervt irgendwann.

Das wollen wir nicht. Was könnten wir also tun?

Stell‘ Dir vor, Du hast fünf Charaktere und möchtest selbstverständlich jedem eine Stimme geben, die ihn einzigartig macht.

Die ersten Unterschiede legst Du fest, indem Du Dich an deren Ausbildung, Bildung, beruflicher Tätigkeit und/oder Freizeitbeschäftigung orientierst.

Was hast Du noch für Möglichkeiten? Deine Charaktere könnten:

  • kurz angebunden sein
  • schnell sprechen
  • sich stets klar ausdrücken
  • sich eher mal verhaspeln
  • betont langsam/bedächtig sprechen
  • bestimmte Phrasen verwenden
  • stottern
  • andere nie/selten aussprechen lassen
  • oft einen Satz nicht beenden
  • einen Akzent/Dialekt haben

Während einige sicherlich für Nebencharaktere angebrachter sind (z. B. Dialekt, stottern, lispeln), erkennst Du bereits die Vielzahl der Alternativen, die Du ja auch noch mischen kannst.

Zusätzlich hast Du auch die Handlungen während eines Gespräches, die Du charaktertypisch einbauen kannst. Das gehört allerdings schon zum Verhalten des Charakters. Ich will damit nur deutlich machen, dass das die Stimme durchaus unterstützen kann.

Wenn Du das alles noch mit den eingangs erwähnten beruflichen Aspekten kombinierst, kann nichts mehr schiefgehen, meinst Du nicht?

Hier noch einige Beispiele:

  • der Anwalt: er ist es gewohnt, viel zu sprechen
  • der Philosoph: der Denker, spricht also wenig
  • der Mürrische: ist kurz angebunden (Ja/Nein/Hmm)
  • der Jugendliche: verwendet eher mal flotte Sprüche

Such‘ Dir das Passende für Deine Charaktere raus, bleibe aber stets konsequent dabei.

Bedenke: Bei einem Buch hast Du nicht den Luxus der visuellen und/oder akustischen Unterscheidungen.

Mach‘ es nicht wie die Amateure.

Du willst Deinem Leser nicht nur eine spannende Geschichte liefern, sondern auch ein Leseerlebnis.

Sei also nicht so einfallslos wie andere. Du kannst es besser. Mit einer gut durchdachten Erzählstimme sparst Du nicht nur das ständige Wiederholen der Namen, sondern wirst hoffentlich auf einfältige Dialog-Attribute verzichten können.

Es macht die Dialoge knackiger und Du zeigst Dich als Profi.

Was immer Du dem Charakter für eine sprachliche Eigenart anhängst, sei es „Boah.“ oder „Mist.“ oder „Mann.“ oder … gib sie nur ihm. Verwende sie sparsam und konsequent.

Tipp:

Ob Dialog, Monolog oder Gedanken: lies diese laut und ohne Betonung. Erkennst Du keine Unterschiede, solltest Du daran arbeiten.

 

Titelbild: Wachsfiguren Museum L. A.

 

 

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.