Nicht nur reden, auch mal was sagen

dialog

 

Stell‘ Dir folgendes Szenario vor:

Du sitzt im Theater – die Vorfreude ist groß, und endlich geht es los. Das Stück beginnt, die Spannung steigt, doch nach ca. einer Viertelstunde passiert es:

Zack

Plötzlich verstummen die Schauspieler und der Autor des Stückes springt auf die Bühne und zeigt mit dem Finger zum Publikum. „Haben Sie das bis hierher verstanden? Auch der letzte in der hinteren Reihe?“

Wohlgemerkt: Hier ist nicht Dein Hörvermögen gemeint.

Ja, Du und sicherlich auch die anderen Besucher haben es verstanden. (Du dämlicher Autor musst mir nicht erklären, was die Akteure sagen und worum es geht.)

Warum also glauben Autoren, ihren Lesern Dialoge zusätzlich erklären zu müssen? Denn genau das tun sie, wenn sie dem Leser sagen, wie die Figuren reden, und es nicht zeigen.

Der Dialog ist eines der besten show, don’t tell Mittel, die Dir als Autor zur Verfügung stehen. Nutze das.

 

Wie soll mein Leser aber wissen, was ich meine?

Was stimmt hier nicht?

„Das kann nicht dein Ernst sein“, sagte Otto mit Erstaunen.

„Vielleicht solltest du das nächste Mal besser zuhören“, meinte Sabine sarkastisch.

Sabine sah ihn traurig an. „Du solltest besser zuhören.“

„Das wirst du noch bereuen!“, brüllte Thomas Sven laut und dröhnend an.

Richtig. Im ersten Beispiel sagt der Autor dem Leser, wie Otto spricht (mit Erstaunen), im zweiten benutzt er zusätzlich ein Verb (meinen), und das Beispiel mit Thomas ist ja wohl an Redundanz kaum zu überbieten.

Weitere Sprecher-Attribute, die keine sind

„Nun hört endlich auf zu streiten“, mischte sich Erna ein.

„Ich rufe dich heute Abend an“, versprach er.

Das sind Verben und beweisen nur die Einfallslosigkeit des Autors.

Vermeide also weitgehend:

  • meinen
  • erwidern
  • erklären
  • versprechen
  • anbieten
  • zugeben
  • wiederholen 
  • wundern
  • abwinken

Ein absolutes No-No sind physikalische Unmöglichkeiten:

„Ich freue mich auf heute Abend“, lächelte sie.

„Das wirst du noch bereuen“, zischte er.

Ernsthaft? Schon mal ausprobiert? Ich hab‘ es, und glaube mir, es funktioniert nicht.

Vermeide ebenso:

  • grummeln
  • murmeln
  • trällern
  • summen
  • seufzen
  • lachen
  • zwinkern

Viele Autoren versuchen, mittels solch haarsträubender Dialog-Anhängsel dem gefürchteten Wort sagte zu entgehen, doch das ist gar nicht notwendig. Davon abgesehen, dass sagte immer noch die beste Wahl ist, hast Du eine Vielzahl anderer Möglichkeiten.

 

Wie Du dem Leser Dialoge zeigst

Das Zauberwort nennt sich Handlung, auch beat genannt. Wenn Du – verständlicherweise – darauf verzichten möchtest, sagte zu oft zu verwenden, lasse Deine Figuren handeln.

Erinnerst Du Dich noch an die oberen Beispiele? Du weißt schon: der erstaunte Otto, die sarkastische/traurige Sabine und der zornige Thomas.

Wie liest es sich jetzt?

Otto riss die Augen auf. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
Otto blieb abrupt stehen. „Ist nicht dein Ernst.“

Sabine verschränkte die Arme vor der Brust und hob eine Augenbraue. „Vielleicht solltest du das nächste Mal besser zuhören.“
„Du solltest besser zuhören.“ Sabine wandte sich ab und schüttelte den Kopf.

Thomas lief zwei Schritte auf Sven zu und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Das wirst du noch bereuen.“

Besser, oder?

 

Was ein gut geschriebener Dialog noch kann

Noch mehr? Aber klar doch.

Menschen sprechen selten in ganzen Sätzen, erst recht nicht, wenn sie lang sind. Sie brechen ab, müssen sich sammeln oder werden von ihren Gesprächspartnern unterbrochen.

Wie stellst Du das dar? 

„Ich wusste ja nicht, dass du-“
„Du weißt nie etwas.“

Oder Dein Charakter sucht nach Worten.

„Ich bin nicht sicher, ich meine … Wie soll ich es sagen.“
„Also ehrlich …“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich bin baff.“

Du erreichst dadurch zwei Dinge:

  • Deine Dialoge klingen dadurch natürlich(er) und straff(er)
  • Du schaffst Freiraum, sogenannten white space, der das Lesen enorm erleichtert

 

Tipp:

  • lies die Dialoge laut
  • suche Dir einen Buddy und spielt sie durch
  • nimm sie auf Band auf und höre sie ab

 

(Ein weiterer Beitrag zum Thema Dialog mit noch mehr Beispielen ist in Vorbereitung – bleib‘ also dran)

 

Wie gestaltest Du Deine Dialoge? Begehst Du auch die eine oder andere Sünde?

 

Bild: Wachsmuseum in L.A.

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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