Weißt Du überhaupt, was ein Antiheld ist?

Antiheld

 

Wenn Du es nur oft genug hörst, siehst oder darüber liest, glaubst Du es eines Tages sogar.

Wovon ich spreche? Vom in den vergangenen Jahren überall auftauchenden Antihelden. Auffällig dabei ist, dass den meisten nicht klar zu sein scheint, was einen typischen Antihelden tatsächlich ausmacht.

Leser lieben sie – diese dunklen, vor sich hin brütenden Gestalten mit ihren zynischen Kommentaren. Sie sind vom Schicksal gebeutelt und werden dennoch mit allem locker fertig.

Inzwischen ist der Begriff Antiheld bereits dermaßen ausgelutscht, dass man diese Figur früher oder später als Cliché einstufen wird.

Das größte Missverständnis beruht auf einer falschen Vorstellung und führt demzufolge zu dieser Zweckentfremdung.

Um Dich nicht völlig zu verwirren, sehen wir uns die Rolle des Antihelden etwas näher an, da wir dieses arme Schwein aufgrund dieser fortwährenden Zweckentfremdung teilen müssen. (Hörst Du seinen Schmerzensschrei?)

 

Der klassische Antiheld

Nicht nur der Protagonist geht auf die alten Griechen zurück, sondern auch der Antiheld. Wir wissen, der Held (unser Protagonist) stellt sich großen Herausforderungen und bringt – bereitwillig – Opfer, immense Hürden zu meistern.

Der Antiheld? Nicht die Bohne. Heißt das, er würde nicht handeln? Doch, tut er, nur nicht, was wichtig wäre, was anderen helfen würde oder was große Überwindung kostet.

Dieser Typ mag positive Absichten haben, ihm fehlt jedoch die Fähigkeit, diese erfolgreich zu verwirklichen. Er glaubt, er ist toll und kann nichts falsch machen – mit dem Effekt, dass es nur noch schlimmer kommt.

Seine Selbstüberschätzung ist seine Schwäche. Ja, Du liest richtig.

Der klassische Antiheld ist schwach.

 

Fassen wir zusammen:

Der klassische Antiheld

  • erkennt seine Mängel nicht
  • hat zwar gute Absichten, ist jedoch unfähig, diese zu verwirklichen, z. B., durch seine permanente Selbstüberschätzung
  • hat sich ein Ziel gesetzt, ist aber nicht in der Lage, es zu erreichen, z. B., durch mangelnde Willenskraft
  • versucht lediglich, heldenhaft zu sein, scheitert jedoch durch seine Feigheit
  • macht durch diese o. g. Unfähigkeiten nur alles schlimmer
  • geht an seinen Selbstzweifeln zugrunde

Soweit unser wahrhaftiger Antiheld. Nun sind wir aber in der Gegenwart, das heißt, heute scheint in der modernen Literatur alles möglich zu sein.

 

Der moderne Antiheld

Herzlich willkommen in den Neunzigern. Tretet ein.

 

Jetzt sind wir endlich beim wichtigen Teil dieses Beitrages: Worin besteht denn nun die Trennung/der Unterschied zwischen diesen beiden?

Es sind vorrangig die Beweggründe – die Motive – die den großen Unterschied ausmachen. Wir erinnern uns?

  • der Held handelt aus edlen Motiven
  • der klassische Antiheld versucht wenigstens gut zu sein
  • der moderne Antiheld … hmm, schau’n wir mal

Welche sind bei letzterem die wahren Gründe für sein Handeln?

Richtig, es geht um Geld, Macht, Aufmerksamkeit. Sie erfreuen sich am Unglück anderer, ja, schrammen durch ihr Verhalten gerade so am Soziopath vorbei. Der Autor sollte hier sehr vorsichtig sein, um seinen Liebling nicht zu unsympathisch zu kreieren. Der Leser muss ihn noch genug mögen, um weiterlesen zu wollen.

Der moderne Antiheld hat mehr negative Eigenschaften, als ihm lieb sein sollte. Er ist:

  • egoistisch
  • impulsiv
  • ungeduldig
  • unhöflich
  • gemein

Nicht so toll, oder? Weshalb darf er dennoch den Titel Held tragen?

Weil er trotzdem erfolgreich ist.

Ein zusätzlicher Unterschied ist auch, dass der Held seine Fehler und Schwächen erkennt und zu ihnen steht. Er versucht sogar, diese zu überwinden und sich zu entwickeln.

Der moderne Antiheld tut das nicht, er will es auch nicht – im Gegenteil.

Worin besteht dann sein Erfolg? Warum sind Leser/Zuschauer so besessen von diesem Typ? Ist es sein Zynismus, sein Humor, seine Flappsigkeit? Oder seine Fähigkeit, den (noch unsympathischeren) Gegner zu besiegen? Oder weil seine Fehler/Schwächen besser in die moderne Gesellschaft passen?

Ein moderner Antiheld als Protagonist ist eine enorme Herausforderung für den Autor, denn die Grenzen (Held – Antiheld – Antagonist) können schnell überschritten sein.

 

3 Möglichkeiten, Deinem Helden einen modernen Antihelden an die Seite zu stellen:

  • zeige dem Leser, was Heldentum bedeutet
  • hebe die Sichtweise des Helden hervor
  • bringe dem Leser die Unterschiede im Laufe der Geschichte näher

 

Wann wird der Antiheld zum Cliché?

Ich gebe zu, das ist mein größtes Problem mit moderner Literatur, oder Genre-Fiction, wenn Du es so nennen möchtest. Am häufigsten vertreten ist dieser berühmt-berüchtige Bad Boy in diesen billigen Liebesgeschichten.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber dieses lasche „Halb zog er sie, halb sank sie hin.“ ist nicht nur einfallslos, sondern unrealistisch. Die ach so tollen Bad Boys können die größte Scheiße produzieren, die fiesesten Womanizer sein – das brave jungfräuliche! Püppchen will ihn trotzdem. Selbstverständlich kriegt sie ihn immer, nur weiß keiner, warum.

Nein, das ist kein Charakter, das ist ein Abziehbild, das oft am Gary Stu vorbeischrummst. Diesen Figuren (einschließlich unserem Jungfräulein) fehlt es dermaßen an Tiefe, dass die Selbstprojektion dieser Möchtegern-Autoren dem Leser förmlich ins Auge springt. Aua.

 

Fazit:

Möchtest Du einen Antihelden schreiben, stelle Dir folgende Fragen:

  • Kenne ich die Unterschiede?
  • Lässt der Hintergrund meiner Geschichte einen solchen Charakter zu?
  • Ergeben Held und Antiheld nebeneinander Sinn?
  • Welche Ziele verfolgen meine Figuren?

Bist Du in der Lage, realistische Figuren zu kreieren, die gerade wegen ihrer Fehler geliebt werden, warum nicht.

Du solltest jedenfalls nicht versuchen, einen Antihelden zu erschaffen, weil es gerade modern/erfolgreich ist, es sei denn, Du bist ein Comic-Schreiber.

 

Erzähl‘ mal, liebst Du auch diese modernen Antihelden?

 

Bild: Wachsmuseum L.A.

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

2 Gedanken zu „Weißt Du überhaupt, was ein Antiheld ist?

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