So, Du magst es also gemächlich. Deine Leser auch?

Deine Story kommt nicht in Fahrt

 

Endlich. Endlich hältst Du es in den Händen, Dein soeben erworbenes Buch, heiß ersehnt und lange erwartet. Das Exposé klang sooooo spannend. Du fläzt Dich in Deinen Lieblingssessel und beginnst zu lesen.

 

Ich wache auf und strecke mich. Ich würde gern noch ein wenig schlafen, aber die Sonne scheint ins Fenster und sagt mir, es wird Zeit.
Ich stehe auf und gehe ins Bad. Als ich in den Spiegel sehe, blickt mir eine junge Frau entgegen, blass mit dunklen Augenringen. Da muss heute viel Schminke her, aber erstmal Zähneputzen.

 

Uh, Du stutzt. Wann geht’s endlich los? Du blätterst ein wenig weiter, vielleicht kommt mehr Spannung im zweiten Kapitel, aber wo fängt das an? Was? Seite 25? Das kann nicht sein, da ist bestimmt noch was im ersten Kapitel, was ich als Leser wissen muss, oder wenigstens was Lustiges.
Du blätterst ein paar Seiten zurück.

 

Auf dem Weg zur Arbeit muss ich an die vergangene Woche denken, ich weiß nicht warum. Als ich diesen Job bekam, war ich überglücklich. Ich erzählte meinen Eltern, meinen Freunden und den Nachbarn davon. Sie alle freuten sich für mich, ein Job ist ja heutzutage schwer zu kriegen, aber dieser Job-

 

Du klappst das Buch zu, schaust nochmal auf die Kurzbeschreibung und fragst Dich – mit Recht – wo die angepriesene Spannung bleibt, das Flotte, der Humor, all das, was Dir großspurig versprochen wurde. Vielleicht nimmst Du’s später nochmal zur Hand, für den Moment aber pfefferst Du das Ding in die Ecke.

Was ist passiert?

Der imaginäre Leser brachte bis hierher viel Geduld auf – mehr als das Buch verdient. 

Wenn eine Geschichte so lahm anfängt, hast Du als Autor die ersten Leser verloren. Du hast sicherlich schon vom Begriff in medias res gehört. Das bedeutet mitten ins Geschehen hinein.

Das gilt nicht nur für jede Szene, sondern besonders für den Anfang des Buches/der Geschichte.

 

Beispiele für erste Sätze

Es heißt immer, der erste Satz muss den Leser packen, das ist leichter gesagt als getan. Ich hab‘ ein paar Ideen gesammelt, wie so ein Satz aussehen könnte, mit eventuellem Folgesatz in Klammer.

  • Er war ein böser Mensch, durch und durch. (Er hatte verdient zu sterben und ich war der Einzige, der das Recht hatte, das Urteil zu vollstrecken.)
  • Alles war bereit, die Koffer gepackt, das Flugticket gekauft, da kam die Nachricht. (Meine Mutter teilte mir mit, dass mein Vater im Sterben lag.)
  • Ein Anruf um diese Zeit war nie ein gutes Zeichen. (Ein Blick auf’s Display zeigte mir, ich würde keine Zeit mehr für eine zweite Tasse Kaffee haben.)
  • „Du wirst dich nicht mehr mit diesem Jungen treffen.“ (Die harsche Aufforderung ihrer Mutter traf Sandra wie ein Schlag. Woher wusste sie von dieser Beziehung?)
  • Mein Plan war perfekt. (Wenn nur die anderen nicht so feige wären.)

Wenn bereits der erste Satz neugierig macht oder sogar Fragen aufwirft, hast Du gute Karten, dass der Leser mehr wissen will. Er liest den zweiten, den dritten …

 

Was ist mit dem ersten Absatz?

Was soll mit dem sein? (Sorry, konnte mir gerade selbst nicht helfen.)

Nein, jetzt im Ernst. Es kommt weniger auf den Umfang, in diesem Fall auf die Länge an, sondern auf den Inhalt.
Hier kannst Du – je nach Wichtigkeit – bereits erste Beschreibungen reinbringen, aber Vorsicht vor Infodump.
Vieles ist noch nicht so dringend, dass Du den Leser unnötig langweilst. Maßgebend ist, dem Leser Deine Figuren und deren Ziele/Wünsche zu zeigen.

Hier einige Vorschläge für erste, zweite … Absätze:

  • Dialog funktioniert immer, und Du kannst gleich zwei Figuren einführen (streiten sie oder hecken sie was aus?)
  • Dein Charakter liegt auf der Lauer, vielleicht sogar mit einem Fernglas. Liegt er im Staub – Setting. Rückt er seinen Hut/seine Mütze gerade oder zieht er die Kapuze über den Kopf – Beschreibung. 
  • Verlässt einer nach einem Streit das Haus/die Wohnung … und der andere greift unverzüglich zum Telefon? Uh oh, wen ruft er an? – Schnitt.
Beachte: Der Leser muss verzweifelt wissen wollen, wie es weitergeht. Wäre das nicht toll?

Jetzt hast schon einige Szenen fertig, vielleicht sogar das erste Kapitel

Ja, und der Leser blättert weiter – er will mehr. Er lechzt nach dem zweiten, dem dritten und so weiter. Welcher Autor wünscht sich das nicht?

Das zweite oder dritte Kapitel eignet sich besser, um etwas mehr über die Figuren und deren Umgebung zu schreiben, denn Du hast den Leser am Haken.

Noch was zu Beschreibungen. Übertreibe es nicht, sie dürfen den Lesefluss nicht stören. Unterbrich nie Szenen mit Rückblenden oder inneren Monolog, erst recht nicht, wenn dieses nicht direkt etwas mit der momentanen Handlung zu tun hat.
Machst Du das zu oft, wird die anfängliche Erwartungsfreude schnell in Langeweile oder gar Frust umschlagen. Das wollen wir doch nicht, oder?

Einen guten Rhythmus zu finden, bedarf reichlicher Praxis und Erfahrung.

 

Tipp:

Sieh Dir den Anfang von Büchern an. Würdest Du weiterlesen wollen? Frage Dich – falls ja – weshalb. Weil Du wissen willst, was los ist, richtig?

Genau das möchtest Du auch bei Deinen Lesern erreichen.

 

Fazit:

Es gibt keine Regeln, keine Gesetze. Du bist der Chef – der Meister Deiner Worte. Wenn sich also der Leser schnell langweilt, liegt das nicht an ihm.

 

Wie beginnst Du Deine Geschichten? Was langweilt, was fesselt Dich? Wie findest Du die Vorschläge?

 

Bild: Schaufelraddampfer in Disneyland (Anaheim/L.A.)

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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