Vermasselst Du Deinen Charakter, wendet sich der Leser ab

 

Du hast alles getan, was Du konntest: Deine hervorragende Idee hat sich in ein Manuskript verwandelt, Dein Setting ist (fast) einzigartig, und Du hast reichlich Konflikte eingebaut, um den Leser bei der Stange zu halten.

Jetzt kommt der spannende Moment: Die Bewertung Deiner Testleser (die hast Du doch, oder?) bzw. die Beurteilung Deines (hoffentlich professionellen) Lektors, und die fällt niederschmetternd aus.

Uh oh, was ist passiert? Du hast alles richtig gemacht. Tja, das denkst Du, die Leser sehen das jedoch anders, Du hast nämlich den wichtigsten Punkt missachtet: Den Charakter.

Ich meine damit nicht, Du hättest ihn „vergessen“, das scheint eher unmöglich zu sein – im Gegenteil. Es wird höchstwahrscheinlich mehrere geben. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Sie sind alle gleich.

Ich meine damit nicht die Haar- oder Augenfarbe, obwohl Du hier bereits Abwechslung reinbringen kannst, z. B. durch Frisuren oder auch mal Kontaktlinsen.

Jetzt sag‘ mir endlich, was Du meinst, Ines und laber nicht so lange rum.

Ich spreche von speziellen Eigenarten, die ich den einzelnen Figuren mitgebe, von Vorlieben und Abneigungen, von Einstellungen und Hobbies usw.

Deshalb kann ich nicht oft genug betonen, wie essentiell eine gut vorbereitete und ausgefeilte Biographie Deiner Figuren für die gesamte Geschichte ist, denn dort legst Du deren Einzigartigkeit fest.

 

Sehen wir uns das etwas näher an

 

Wenn Du Dich in Deiner Umgebung aufmerksam umsiehst, wirst Du schnell feststellen, dass Menschen gewisse Gewohnheiten haben (im Verhalten oder im Umgang mit anderen). Manchmal ist es ihnen gar nicht bewusst – es gehört einfach zu ihnen.

Welche könnten das sein?

  • Eine Augenbraue heben: Der Charakter ist für seinen Sarkasmus bekannt
  • Nase rümpfen: Der Charakter zweifelt (erstmal) alles an
  • Übers Kinn streichen: Spräche für einen eher schweigsamen oder bedächtigen Charakter, der erst denkt, bevor er etwas sagt
  • Ein schiefes Lächeln: Ja, wir lieben es (ich tu‘ das auch) – vielleicht aber hat der Charakter ja auch nur schlechte Zähne und kein Geld für eine Behandlung oder gar eine unüberwindbare Angst davor

Wie sieht es mit Berufen oder Hobbies aus?

  • Ein Charakter macht seinen Job nur widerwillig, weil er muss (viele werden das nachvollziehen)
  • Ein anderer macht ihn gern, weil es seine Berufung ist
  • Der nächste kann sogar Hobby und Tätigkeit in Einklang bringen und ist happy
  • Ja nach Alter und Ausbildung kannst Du einen strebsamen jungen Charakter kreieren, der eine Karriere anstrebt oder einen Rentner, der endlich seinem Hobby nachgehen kann

Übertreibe nicht

Was heißt’n das nun wieder?

Ich will damit sagen, dass die Einzigartigkeit nicht dermaßen vordergründig sein darf, dass diese ständig genannt wird – das nervt!

Ebenso wichtig: baue diese Gewohnheiten/Einzigartigkeiten geschickt, d. h., an passenden Stellen ein, sonst läufst Du Gefahr, Szenen zu zerreißen oder dem Leser puren Infodump vor die Füße zu schmeißen. Ha, reimt sich – fast.

Beispiele gefällig?

Wie schon gesagt, erwähne die Angewohnheiten nicht zu oft und vor allem nicht zu plump: Er hob eine Augenbraue, sie rümpfte die Nase … Zweimal zu Beginn reicht sicherlich.

Wie stellst Du das also dar? Durch die anderen Charaktere. Die sehen, hören, riechen … ihr Gegenüber:

Nimmt er mich etwa nicht ernst? (innerer Monolog)
Glaubt sie mir etwa nicht? (innerer Monolog)
„Jetzt sag endlich was.“
„Ich kann dein dämliches Grinsen nicht mehr sehen.“

Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Hobbies und Tätigkeiten. Zeige dem Leser den Unmut, die schlechte bzw. gute Laune mittels Handlungen.

Sorry, wenn ich hier nicht ausführlicher werde, das würde an dem Thema vorbeigehen. Mehr dazu wird es in einem anderen Beitrag geben, denn das ist eine Frage des Show, don’t tell.

Beachten musst Du im Moment nur, den Charakter nicht in seiner Einzigartigkeit zu ertränken. Letztere hat lediglich eine unterstützende Funktion.

 

Verliere nie den Fokus auf Deinen Charakter

 

Dein Leser will wissen, wie Deine Charaktere mit den Hürden des Alltags und/oder des Lebens umgehen. Wie sie mit ihren Gegnern fertigwerden und wie es ihnen dabei ergeht.

Welche Rolle spielen also die Gewohnheiten? Sie können helfen, aber ebenso der Down Fall sein. Sieh Dir nochmal die Beispiele an und spinne den Faden, z. B. für Konflikte, weiter:

  • nicht jeder mag Sarkasmus
  • manche halten ein schiefes Lächeln für Arroganz
  • ein Insektensammler wird vielleicht nie Besuch von seiner Angebeteten kriegen
  • ein ständig Zweifelnder bringt andere zur Weißglut

Ich werde auch hier nicht weiter darauf eingehen, ich denke, Du hast verstanden, worum es geht: Die Charaktere einzigartig zu machen, aber stets unterstützend und nicht als Inhalt Deiner Geschichte.

 

Fazit:

Erwähnst Du die Besonderheiten Deiner Figuren zu oft oder zu plump, ersäufst oder erstickst Du sie. Irgendwann sind sie womöglich weg – und Deine Leser auch.

 

Bild: Auf der Plantage in Plymouth (Boston)

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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