Du bist der Architekt Deiner Geschichte

Aufbau einer Szene

 

Das Schreiben überkommt Dich. Du kannst Dich nicht wehren und schreibst drauflos. Vielleicht bist Du sogar der wagemutige Typ und tippst gleich alles in den Computer. Eine Weile mag es gutgehen, aber dann … WTF!

Der Motor stottert. Der Schreibfluss stockt. Der rote Faden ist weg (falls es je einen gab).

Au Backe – was ist hier passiert?

Du hast doch alles, was Du für Deine Geschichte brauchst: eine prima Idee, tolle Charaktere in einem interessanten Setting und sogar klasse Dialoge – im Kopf. Tja ha ha, genau das ist das Problem.

Du beginnst ohne Plan.

Verstehe mich nicht falsch. Es gibt durchaus Autoren, die so vorgehen – die sogenannten Discovery Writer. Die setzen sich auf ihren Arsch und schreiben drauflos. Das sind aber nicht nur Ausnahmen, sondern meist auch sehr erfahrene Autoren, z. B. Stephen King.

Falls Du auch so vorgehst und es für Dich funktioniert, brauchst Du nicht weiterlesen. Musst Du aber – wie die Mehrheit – den Aufbau planen, helfen Dir folgende Tipps sicherlich weiter.

In diesem Beitrag lernst Du, die notwendigen Elemente zusammenzufügen und Deine Szenen zu organisieren.

 

Der Aufbau

Wenn Dir bisher noch nicht klar ist, worum es in Deiner Geschichte geht, wirst Du keine gute Struktur bauen können. Stelle Dir also erstmal diese grundlegenden Fragen:

  • Wer ist der Protagonist?
  • Was will er?
  • Was/wo ist sein Problem?

Ich fasse kurz zusammen, worauf Du bei den o. g. drei Punkten achten solltest.

Der Protagonist

Wer der Protagonist sein soll, muss von Beginn an feststehen, denn dieser treibt die Geschichte voran. Ich plädiere immer dafür, diese Figur akribisch zu planen, da davon alles Weitere (Motive, Erzählstimme, Konflikte u.s.w.) abhängt bzw. darauf aufbaut.

Was will der Protagonist?

Hat Deine Figur keinen dringenden Wunsch oder ein klares Ziel, hast Du keinen Handlungsstrang! Woher auch? Das Ende der Geschichte ist ja die Erfüllung des Wunsches/Zieles.

Was/wer steht ihm im Weg?

Wenn Deine Figuren alles auf dem Silbertablett erhalten, wenn ihnen jeder Weg geebnet wird oder er von allen Seiten verehrt und/oder geliebt wird, hat er keine Probleme, nicht wahr? Wenn der Protagonist seine Wünsche sofort erfüllen kann, wenn er unverzüglich sein Ziel erreicht, hast Du keine Geschichte – höchstens ein Geschichtchen. Zu mehr wird es nicht reichen, denn dann wird es langweilig.

Merke: Keine Konflikte - Keine Spannung

Zum Thema Konflikte wurde schon vieles geschrieben, und es gibt eine Fülle an Angeboten, Möglichkeiten und Tipps, deshalb spreche ich einige nur kurz an.

Geeignete Probleme/Hürden könnten sein:

  • auf alle Fälle der Antagonist
  • Katastrophen, z. B. Überschwemmung
  • eine lebensverändernde Entscheidung

Gerade bei Konflikten hast Du zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten, die Du gezielt – kategorieabghängig – einsetzen kannst, wichtig ist nur, dass der Gegner bzw. das Problem zu Beginn stets stärker ist.

Wenn Du diese ersten wichtigen Schritte gut planst, hast Du bereits einen starken roten Faden für den Handlungsstrang.

 

Mehr Charaktere – Mehr Probleme – Mehr Handlung

Nun wird es ja selten vorkommen, dass Deine Figur alleine ist. Bei einer Kurzgeschichte ist das noch machbar, aber bei einem längeren Stück? Lieber nicht, selbst Robinson Crusoe blieb nicht lange allein.

Was müssen wir also noch beachten? Wen stelle ich meiner Hauptfigur (außer dem Gegner) noch zur Seite?

Romanze/Love-Story:

Klar, erstmal den (zukünftigen) Geliebten. Kriegen sie sich am Ende? Ei, freilich, aber zu welchen Bedingungen? Wohnen die Turteltäubchen weit entfernt? Müssen sie gegen Intrigen oder gar soziale Standesdünkel kämpfen?

Krimi/Thriller:

Hier ist logischerweise der Bösewicht/Verbrecher der Gegner, den es zu finden bzw. zu besiegen gilt. Zusätzliche Hürden könnten wenig Spuren oder verstockte Zeugen sein (Krimi) oder gleich zwei Gegner, wie es z. B. in dem Thriller Die Firma der Fall war.

Ich will Dich an dieser Stelle nicht weiter langweilen – Du hast die Bedeutung erkannt. Eines nur noch: Charaktere/Figuren müssen zum Handlungsstrang passen und entweder auf der Seite der Hauptfigur stehen oder gegen ihn antreten.

 

Der schwierige Teil – Plot Twists

Du weißt, was ein Plot Twist ist, ja? Nein? Oh … na, dann … ehm …

Dieser Begriff kommt wieder einmal – klar – aus dem Englischen und bedeutet so etwas wie eine Wendung.

Falls Du noch keine Idee für überraschende Wendungen hast, solltest Du Dir flott welche überlegen, denn wenn Du sie erst im Nachhinein einbaust, kann das die gesamte Struktur verschwurbeln, und das wollen wir doch nicht, stimmt’s?

Eine Wendung sollte aber nicht nur überraschend sein – dafür haben wir ja unsere Cliffhänger (liebevoll Cliffies genannt). Nein, sie sollte der Geschichte eine andere, wenn nicht gar neue Richtung geben. Leichter gesagt als getan.

Bei der Ideenfindung bist Du als Autor auf Dich gestellt, da es von vielen Faktoren, z. B., den Figuren, dem Handlungsstrang, der Länge und nicht zuletzt von der Kategorie abhängt. Eine Wendung könnte eine Entscheidungsänderung durch die Figur sein oder der Freund entpuppt sich (auf halber Strecke) als Feind bzw. umgekehrt. 

Wichtig: Sei nicht zu geizig – ein Plot Twist ist zu wenig!

 

Wir fügen alles zusammen

 

 

 

Bis hier alles klar? Na, ich hoffe doch. Am besten, Du verschaffst Dir jetzt einen Überblick, was Du so zusammengetragen hast. Ist alles da, was Du brauchst? Du weißt schon, Charakter – Ziel – Problem/Gegner – Wendung …

Alles da? Prima, dann geht’s ans Verknüpfen.

Wie bringst Du die Ereignisse rüber, d. h., wie gestaltest Du Deine Szenen und verbindest diese miteinander? Sie sollen sich ja nicht nur gut lesen, sondern – wichtiger noch – Sinn ergeben.

Richte Dein Augenmerk stets auf das Haupt-Thema bzw. den Handlungsstrang.

Szenen werden in chronologischer Reihenfolge aufgebaut (wie bei einem Hausbau – Etage auf Etage)

Ein kleines Beispiel, wie ich vorgehe: Ich schreibe mir erstmal grob vor, was in einer Szene passieren soll. In einem Krimi geht es meist mit dem Verbrechen los. Hier habe ich sogar mehrere Szenen (Tatort-Besichtigung; erste Erkenntnisse oder Vermutungen; erste Ermittlungen und/oder Befragungen). Das alleine reicht schon für ein oder zwei Kapitel.

Das ist nur eine Möglichkeit. Entscheidend ist letztendlich die Vorliebe bzw. der Schreibstil des Autors. Ich bin jedenfalls mit dieser Vorgehensweise gut gefahren und es bewahrt mich vor längeren Blockaden.

 

Tipp:

Ob Du alles ausführlich aufschreibst oder Karteikarten verwendest, ob Du eine Autoren-Software oder das gute alte Word-Programm nutzt, ist erstmal schnurz. Du weißt am besten, wie und womit Du klarkommst. Falls nicht, probiere es aus. Aber vergiss nicht: Du planst nur, Du schreibst noch kein fertiges Manuskript.

 

Eine Szenen-Liste erstellen

Dies ist sicherlich ebenfalls nur ein Beispiel, wie Du Dir einen Überblick verschaffen kannst. Einige Autoren arbeiten nach der Schneeflocken-Methode (entwickelt von Randy Ingermanson), andere erstellen ihre eigenen Listen. Hier muss tatsächlich jeder für sich entscheiden, wie er am besten planen kann, um effektiv zu arbeiten.

Du bist jetzt soweit: Du hast Deine Charaktere, den Handlungsstrang und und und. Nun willst Du endlich Nägel mit Köpfen machen und etwas Sinnvolles zu Papier bringen.

Vorschlag für einen stichpunktartigen Szenen-Aufbau:

Gib den Szenen einen Titel

  • Zwei Charaktere lernen sich kennen (Romanze)
  • Deine Figur wird bedroht (Thriller)

Was passiert in der Szene?

  • Wie oder wann lernen sich die beiden kennen
  • Wodurch bzw. durch wen wird Deine Figur bedroht

Was ist das Ziel der Beteiligten?

  • Für den einen war das Kennenlernen kein Zufall
  • Der Bedrohte ignoriert bewusst die (eventuelle) Gefahr

Am Beginn einer Geschichte sind kürzere Szenen ratsamer, um den Leser nicht da schon zu langweilen. Um aber zu kurze Kapitel zu vermeiden, brauchst Du demzufolge mehrere Szenen, die Du ähnlich aufbaust:

Gib auch diesen Szenen einen Titel

  • Missverständnis beim Kennenlernen
  • Bedrohung wird immer noch nicht ernstgenommen

Was passiert in dieser Szene?

  • Der/die Angesprochene hält es für eine plumpe Anmache
  • Der Bedrohte vernichtet den Erpresserbrief/löscht den Anruf

Was ist auch hier das Ziel der Beteiligten?

  • Dem vermeintlichen Aufdringling aus dem Weg gehen
  • Der Bedrohte will alleine damit fertig werden (großer Fehler)

So könntest Du Deine Szenen  vorbereiten. Das ist allerdings nur die Grobschmiede. Wir brauchen auch noch Dialoge, den Zeitrahmen, das Setting u.s.w., aber darum geht es hier nicht. Das baust Du zwischendurch ein, wenn Du Deine Szenen erweiterst.

Hab‘ keine Sorge, auch wenn einiges kompliziert klingt, für den Anfang genügt es, einen Faden zu schaffen, der während des gesamten Aufbaus tiefrot bleibt. Streichen, ändern, ergänzen ist eine andere Angelegenheit.

Hinweis: Hier geht es nur um die Szenen. Zur Szene-Sequel-Struktur wird es einen gesonderten Beitrag geben.

 

Fazit:

Einem Anfänger oder ungeübten Schreiber empfehle ich eine gründliche Planung/Vorbereitung. Das bewahrt Dich garantiert vor Plot-Löchern und – wie gesagt – vor dieser bösen, bösen Schreibblockade.

 

Was bist Du? Drauflosschreiber oder Planer? Wie sind Deine Erfahrungen?

 

Titelbild: Schnappschuss Disneyland (Anaheim/CA)
Beitragsbild: Pension in San Francisco (CA)

 

Ines Pischel

Ines schreibt unter anderem Krimis, Romanzen und Kurzgeschichten. In ihrem neuen Blog gibt sie (nicht nur) Schreibanfängern praktische und sofort anwendbare Tipps.

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